Umzug

Anonymous crowd walking on a street in New York

An meine zahlreichen Follower 😉

In diesem Blog sollte es ursprünglich ja nur um meine Romantrilogie gehen. Dann kamen Predigten dazu, angehängt an das Stichwort “Gott”. Aber irgendwie passt das doch nicht so 100%-ig. Deswegen habe ich jetzt einen neuen Blog mit dem Titel Großstadtpredigten angelegt. Darauf kommen dann nur noch Predigten und gelegentlich andere theologische oder spirituelle Betrachtungen. Wer sich dafür interessiert – bitte gern abonnieren!

Die Predigten, die ich hier veröffentlicht habe, werde ich nach und nach umziehen auf die Großstadtpredigten und dann hier löschen. Erscheint mir sinnvoller.

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Steh auf und geh

Mk 2, 1-12

26.10.2014

 

Vor kurzem habe ich eine Predigt unter dem Titel “Erwählt” hier gepostet. Manche haben dazu bemerkt, das sei so etwas gewesen wie Gott 9.0 als Predigt. Ja, immer wieder versuche ich das, was wir in Gott 9.0 geschrieben haben, auch in der Predigt anzuwenden. Hier wäre ein weiteres Beispiel.

Und nach etlichen Tagen ging Jesus wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause war.  Und es versammelten sich viele, sodass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort. Und es kamen einige, die brachten zu ihm einen Gelähmten, von vieren getragen. Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, gruben es auf und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag. 

Da nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. 

Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihren Herzen: Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein? Und Jesus erkannte alsbald in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen: Was denkt ihr solches in euren Herzen? Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin? Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden – sprach er zu dem Gelähmten: Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim! 

Und er stand auf und nahm sogleich sein Bett und ging hinaus vor aller Augen, sodass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben solches noch nie gesehen.

Was für eine Geschichte, liebe Gemeinde, was für eine Geschichte! „Die Heilung des Gichtbrüchigen“, so hieß sie früher, und ich muss sagen, ich kenne sie seit über fünfzig Jahren, aus dem Religionsunterricht, aus dem Kindergottesdienst, aus der Kinderbibel. Und wie hat sie mich fasziniert, diese Geschichte. Allein schon das Wort „gichtbrüchig“! Das klang ganz schrecklich, viel stärker als das modernere Wort „gelähmt“. Und dann: wie die Männer aufs Dach steigen und ein Loch ins Dach machen, um ihren Freund auf seiner Trage herunterzulassen, Jesus direkt vor die Füße. Diese Energie, die vor keinem Hindernis zurückscheut! Und dann Jesus, wie er sich mit großer Souveränität als der Gesandte Gottes erweist, mehr noch: als der Sohn Gottes, der vollmächtig an Gottes Stelle handelt.

Als Kind habe ich diese Geschichte ganz wörtlich genommen, und das ist auch gut so. Denn es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie wir mit biblischen Geschichten umgehen können, und dies ist eine der Möglichkeiten: Sie ganz schlicht und einfach wörtlich zu nehmen. So ist es passiert, so hat Jesus damals einen gelähmten Menschen geheilt. Das ist eine Möglichkeit, und für viele Menschen ist es wichtig, daran festzuhalten: So und nicht anders ist es geschehen. Aber dieses historische Verständnis ist nicht die einzige Möglichkeit, mit so einem Bibeltext, mit so einer Heilungsgeschichte umzugehen.

Für mich bleibt auch eine wichtige Frage offen, wenn ich diese Geschichte wie einen objektiven Bericht betrachte. Die Frage nämlich: Was hat das nun mit mir zu tun, mit uns, hier und heute, im Jahr 2014 in München, zweitausend Jahre später? Gut, Jesus hat damals diesen Kranken geheilt. Und weiter? Was bedeutet das für uns heute?

Hier sehe ich wieder zwei mögliche Antworten. Die eine: Jesus heilt heute auch noch. Und es werden ja tatsächlich immer wieder Heilungsgeschichten erzählt, wundersame Heilungen, vor allem aus jungen, wachsenden Kirchen, aus Afrika und aus Korea oder China, oder aus den Pfingstkirchen in Brasilien. Wo die Kirchen jung sind, wo sie sich ausbreiten und täglich neue Mitglieder hinzukommen, da wird eigentlich immer auch von Wundern erzählt, von Heilungen und anderen Ereignissen, die sich nicht restlos mit den Gesetzen des Alltags in Einklang bringen lassen. Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht, was daran ist. Ich halte es für möglich, dass sich spontane Heilungen ereignen, dass Dinge passieren, die eigentlich unmöglich sind. Und es ist wunderbar, wenn eine Gemeinde solche Ereignisse erleben darf. Nur: Solche Geschichten werden nicht nur im christlichen Raum erzählt. Es gibt sie in allen Religionen. Wo Menschen mit glühendem Eifer dabei sind, wo der Glaube sie mitreißt – egal welcher Glaube –, da ist die Rede von Wundern, von Heilungen, von Erscheinungen, von Prophezeiungen, die sich erfüllen und und und.

Wenn ich nun die biblischen Wundergeschichten wörtlich nehme, wenn ich die Berichte aus jungen, missionarisch sich ausbreitenden Kirchen wörtlich nehme, dann muss ich eigentlich auch die Berichte aus anderen Religionen für bare Münze nehmen. Und das wirft dann ein eigenes Licht auf den Satz, den Jesus oft sagt, wenn ein Mensch in seiner Nähe gesund wurde: Dein Glaube hat dir geholfen. Das könnte dann ja für jeden Glauben gelten, und das wirft ein ganz wichtiges Licht auf das, was hier mit Glauben gemeint ist. Es kommt nicht so sehr darauf an, was jemand glaubt, sondern auf den Glaubensakt, das Vertrauen. Das Vertrauen, dass es Heilung gibt, Heilung durch Gott und durch Menschen, die Gott besonders nahe stehen.

Das ist also die eine Möglichkeit, mit dieser Geschichte umzugehen. Eine andere Möglichkeit ist, tiefer zu bohren, unter die Oberfläche dessen, was damals vielleicht geschehen ist. Und zu fragen: Was bedeutet es denn für uns heute, dass Jesus a) Sünden vergibt und b) Menschen heilt, sie aus ihrer Lähmung befreit?

Und – wie kommt es überhaupt, dass Jesus von Sünde spricht? Man muss sich das einmal vorstellen: Da nehmen die Freunde dieses Mannes diese Mühen in Kauf, um ihn zu Jesus zu bringen, und es ist ja offenkundig, was von Jesus erwartet wird. Aber er sagt nicht etwa: Sei gesund! Er sagt: Dir sind deine Sünden vergeben. Ich kann mir vorstellen, wie verblüfft und auch enttäuscht die Freunde sind, die da oben auf dem Dach liegen und durch das Loch hinunterlugen, was jetzt passiert. Sie hoffen, sie glauben: Gleich macht er unseren Freund gesund. Und dann sagt dieser Jesus: Dir sind deine Sünden vergeben. Na so was. Davon war doch gar nicht die Rede. Sie wollten doch, dass ihr Freund wieder gehen kann. Stattdessen redet Jesus von Sünde. Thema verfehlt, werden sie sich gedacht haben.

Aber ich glaube nicht, dass Jesus das Thema verfehlt hat. Nicht nur, weil ich als Pfarrer sozusagen sowieso davon ausgehen muss, dass Jesus immer Recht hat. Nein, ich denke, es gibt tatsächlich einen Zusammenhang zwischen dem, was in der Bibel Sünde heißt, und dem Gelähmt-Sein. Aber Vorsicht! Dieser Zusammenhang heißt ganz bestimmt nicht: Wer buchstäblich nicht gehen kann, wer im Rollstuhl sitzt oder nicht aus dem Bett kann, weil ihn die Beine nicht tragen, der wird irgendwie für seine Sünden bestraft. Nein, ganz bestimmt nicht.

Um den Zusammenhang zu erläutern, den Jesus hier feststellt, möchte ich erst einmal etwas zum Begriff Sünde sagen. Das, was die Bibel mit dem Wort Sünde meint, hat nur sehr wenig zu tun mit dem, wie wir heute dieses Wort gebrauchen. In unserem heutigen Sprachgebrauch sieht es ungefähr so aus: Sünde, das ist etwas, was verboten ist, aber weil es Spaß macht, ist es auch nicht so schlimm, wenn man trotzdem sündigt. Kaloriensünder, Parksünder, die kleinen Sünden des Alltags, das sündige Weib… eben, alles, was Spaß macht, aber nicht erlaubt ist. Weil es als unmoralisch gilt oder weil es dick macht. Aber eigentlich… eigentlich ist das alles nicht so schlimm.

Die Bibel meint etwas ganz anderes. Wenn in der Bibel von Sünde die Rede ist, geht es gar nicht um bestimmte Handlungen oder Unterlassungen. Es geht darum, dass die Grundausrichtung des Lebens verkehrt ist.

Wir Menschen sind an sich als offene Wesen gemeint und angelegt. Offen für unsere Mitmenschen, offen für neue, vollkommenere Versionen unser selbst, offen für das, was wir „oben“ nennen, obwohl wir natürlich genau wissen, dass Gott nicht „dort oben“ wohnt. Offen sein, das heißt neugierig sein auf das Leben. Offen sein heißt, vertrauensvoll mit den anderen umgehen. Offen sein heißt, immer die Möglichkeit mit einbeziehen, dass es neue, unerwartete, überraschende Wendungen gibt im Leben, und sich daran zu freuen.

So werden wir geboren. Und so sind wir gemeint. Nun ist das so eine Sache mit dieser Offenheit. Wer so lebt, wird ziemlich rasch die Erfahrung machen, dass seine Offenheit ausgenutzt wird, oder missbraucht wird. Und so machen wir zu. Wir richten uns nicht mehr auf die anderen aus und auf die vielen Möglichkeiten, die das Leben bietet, sondern wir ziehen uns zurück, richten uns auf uns selbst aus, verkrümmen uns in uns selbst, wie Augustinus sagt und in seiner Folge Martin Luther. Statt offen und liebevoll auf unsere Mitmenschen zuzugehen und uns alles von Gott zu erwarten, bleiben wir bei uns, kreisen um uns, um uns selbst als Zentrum – wir werden ego-zentrisch, misstrauisch, ängstlich.

Das ist unvermeidlich. Es ist kein moralischer Makel, den manche haben und manche nicht. Wir alle sind so. Deswegen spricht die Tradition von der Erbsünde. Wir können nicht so sein, wie wir gemeint sind, weil wir in Verhältnisse hineingeboren werden, die es nicht zulassen, dass wir immer und in jeder Gelegenheit offen und liebevoll sind. Das ist nicht unser individuelles Versagen, sondern gehört zum Menschsein in dieser Welt. Das meint das seltsame Wort „Erbsünde“.

Und so verfehlen wir unser Ziel. Wir halten fest an alten Verletzungen, machen uns selbst und den anderen Vorwürfe, ausgesprochene und unausgesprochene, wir bleiben weit unter unseren Möglichkeiten, weil wir nicht herausgehen aus dem Schneckenhaus, weil wir meinen, uns schützen zu müssen.

Das ist die Sünde. Nicht eine einzelne dumme oder böse oder unmoralische Tat, sondern die falsche Ausrichtung unseres Lebens.

Und diese Sünde lähmt. Nicht körperlich. Sie lähmt unsere Liebe. Unsere Kraft. Unsere Initiative. Sie lähmt unsere Fähigkeit, die zu werden, die wir sind. Diese Sünde macht uns unbeweglich, so dass wir in unserem Schneckenhaus sitzen und unseren Nabel betrachten aus Angst, wieder verletzt zu werden. Diese Sünde trennt uns vom Leben, und so stimmt es durchaus, wenn Paulus sagt: Der Tod ist der Sünde Sold, das heißt, die angemessene Entlohnung. Wer nicht lebt, ist tot. Wer sich in sich selbst verkriecht und mehr sich selbst im Sinn hat als die anderen, lebt nicht.

Gottseidank ist das nicht die ganze Wahrheit. Es stimmt zwar, dass wir alle in dieser Weise gelähmt sind. Aber es gibt ja unsere Freundinnen und Freunde, die uns tragen können. Und es gibt die Vergebung.

Vergebung heißt: Du bist nicht festgelegt auf deine alten Verletzungen. Du kannst von vorn anfangen, jeden Tag, jede Minute. Du hast die Wahl: Du kannst aus deinen schlechten Erfahrungen lernen und sagen: nie wieder. Nie wieder wage ich es mit der Liebe, mit der Offenheit.

Oder du kannst sagen: Jetzt erst recht.

Dazu ruft Jesus den Gelähmten. Er sagt: Dir ist vergeben. Deine Vergangenheit bestimmt dich nicht. Du kannst aufstehen und gehen, ja mehr noch: du kannst aufstehen und nach Hause gehen, dorthin, wo du so sein kannst, wie du gemeint bist. Du darfst zu dir selbst kommen.

Jesus zeigt uns, wie wir leben können, im Jetzt, im Augenblick, im ewigen Nun. Nicht festgelegt und gelähmt durch die Vergangenheit, nicht gelähmt durch die Sorge, die Angst vor der Zukunft. Frei können wir sein für die Gegenwart, für den Menschen, den uns das Leben in dieser Minute über den Weg schickt.

Das geht natürlich nicht von jetzt auf gleich. Die Wundergeschichten zeigen uns, wie es sein könnte. Aber sie zeigen uns sozusagen das Ziel eines langen Weges. Denn unsere schlechten Erfahrungen können wir nicht so einfach ablegen. Sie haften uns an, sie verfolgen uns auf Schritt und Tritt und es kostet Mühe und Übung, sie loszulassen.

Deswegen ist es gut, von anderen das Wort zu hören: Dir ist vergeben, steh auf und geh. Die Schriftgelehrten in der Geschichte sagen: Das geht doch nicht. Nur Gott kann vergeben. Und Jesus zeigt ihnen, dass nicht nur Gott vergeben kann, sondern der Menschensohn.

Der Menschensohn. Wir sind es gewohnt, dieses Wort als Beinamen Jesu zu verstehen. So als ob Jesus immer von sich in der dritten Person redete, wenn er vom Menschensohn spricht. Es kann aber auch ganz anders sein. Das hebräische Wort „ben“ oder auf Aramäisch: „bar“ bedeutet zwar tatsächlich „Sohn“. Jeschua ben Josef, Jesus, Sohn des Josef. Aber das Wort heißt noch viel mehr. Das Hebräische denkt vieles in Familienbeziehungen, wo wir gar nicht an Familien denken würden. „Ben“ ist dann so etwas wie eine Gattungsbezeichnung. „Ben Jisrael“, „Sohn Israels“, heißt dann einfach: Israelit, Angehöriger des Volkes Israel. Oder der „Sohn der Fremde“ ist ein Ausländer. Dieses Wort „ben“ heißt also auch einfach „Angehöriger, Zugehöriger zu einer bestimmten Familie oder Gattung“.

Ben Adam, Sohn des Menschen, heißt also eigentlich ganz einfach „Mensch“, ein Angehöriger der Gattung Mensch.

Und wenn wir das jetzt anwenden auf das, was Jesus sagt, dann heißt das: „Damit ihr aber seht, dass der Mensch Vollmacht hat, Sündern zu vergeben auf Erden…“ Sünden zu vergeben wäre dann etwas, was allen Menschen möglich ist und – was allen Menschen aufgetragen ist.

Ja, wir dürfen und wir sollen einander das zusagen: Dir ist vergeben. Du darfst neu anfangen. Steh auf, geh. Nimm dein Bett, dein Krankenlager, nimm das, was dich bindet, heb es auf, nimm es in die Hand und geh. Benutze deine Kraft, benutze deine Liebe. Hab Vertrauen. Lebe.

Und wenn du dabei auf die Nase fällst, wenn du scheiterst, dann lass dich nicht entmutigen und lähmen. Lass das Vergangene los, so gut du kannst, und richte dich aus auf die Gegenwart, auf diesen Moment. Fang neu an. Dir ist vergeben. Geh, beweg dich, sei lebendig.

Da haben wir eine große Aufgabe, wenn wir das ernst nehmen. Uns und andere zu ermutigen, neu anzufangen. Nicht aufzugeben. Zu vertrauen.

Wo dieses Vertrauen wächst, das aus der Vergebung lebt, aus der Ermutigung und aus dem Zuspruch: du kannst es! – wo dieses Vertrauen wächst, da werden Wunder möglich. Wir müssen es uns nur sagen lassen und dann – aufstehen, gehen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder, dem Herrn. Amen.

Erwählt?

Und hier gleich die nächste Predigt. gehalten am 20. August in der St. Markus-Kirche:

Predigt über 2. Mose 19, 1–6

Im dritten Monat nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, an diesem Tag kamen sie in die Wüste Sinai. Sie brachen auf von Refidim und kamen in die Wüste Sinai, und Israel lagerte sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge. Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der Herr rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.

 

 

Liebe Gemeinde,

Gott bleibt sich immer gleich, vermutlich. Aber wie wir Menschen von Gott reden, wie wir ihn uns vorstellen, was für Bilder wir von Gott haben, das ändert sich. Es ändert sich im Lauf eines Lebens und es ändert sich im Lauf der Geschichte der Menschen. Und in der Bibel können wir diese Veränderungen gut studieren.

Da ist am Anfang ein Mann, Abraham, der hatte etwas, was wir heute eine Gotteserfahrung nennen würden. Gott begegnet ihm, im Traum oder wie auch immer, das wissen wir nicht so genau. Jedenfalls berichtet Abraham, dass Gott zu ihm gesprochen habe und ihm viele Nachkommen und ein gutes Leben auf der Erde verspricht. An diesen Gott hält sich Abraham natürlich, und so gibt es also einen Gott Abrahams. Dieser Gott ist ganz auf den einen Mann bezogen, und wohl auch noch auf seine Familie. Es ist ein sehr persönliches und etwas enges Gottesbild. Die Nachbarn haben andere Götter, Abraham hat seinen eigenen. Die Menschen in den Städten beten viele Götter an, Abraham hat diesen einen. Den Gott Abrahams.

Aber dabei bleibt es nicht. Der Predigttext, den ich vorgelesen habe aus dem 2. Buch Mose, der zeigt den Beginn eines neuen Stadiums. Gott ist jetzt nicht mehr nur der Gott eines Einzelnen oder einer Sippe. Gott hat sich nun ein ganzes großes Volk erwählt. Er hat sie aus der Knechtschaft, aus der Sklaverei in Ägypten befreit und versprochen, sie in ein eigenes, wunderbares Land zu führen.

Mit dieser Geschichte werden wir Zeugen, wie Gott einen Bund schließt, wie es in der Bibel heißt. Gott erwählt sich das Volk, es ist sein Eigentum, das er beschützt, und im Gegenzug verpflichten sich die Menschen, bestimmte religiöse und ethische Regeln einzuhalten. Unmittelbar nach dem Kapitel, aus dem unsere heutige Geschichte stammt, wird erzählt, wie Mose die Zehn Gebote erhält, sozusagen das Grundgesetz des Volkes Israel.

Gott ist nun nicht mehr nur der Gott Abrahams, des Stammvaters. Gott ist der Gott Israels, eines großen Volkes, das aus zwölf Stämmen besteht. Andere Völker haben andere Götter. Die Bibel bestreitet in diesem Stadium überhaupt nicht, dass es diese anderen Götter wirklich gibt. Baal und Ischtar und Marduk, Isis und Osiris, die gibt es wirklich. Nur: Anbeten dürfen die Israeliten sie nicht. Anbeten dürfen sie nur ihren eigenen Gott, nur ihm dürfen sie dienen, nur ihm dürfen sie opfern, nur zu ihm dürfen sie beten und nur ihn dürfen sie um Hilfe bitten. Da ist er eigen. Umgekehrt hat niemand anders das Recht, sich an diesen Gott zu wenden. Er ist allein und ausschließlich Israels Gott. Man kann sagen, die Vorstellung von Gott ist nicht mehr egozentrisch, also auf das einzelne Individuum bezogen, sondern ethnozentrisch, also auf eine bestimmte Gruppe bezogen, auf ein Volk.

Allerdings ist es auch dabei nicht geblieben. Wenn das heute noch so wäre, dann würden wir hier in Deutschland immer noch Thor und Odin anbeten, oder vielleicht Jupiter und Mars, Venus und Diana, die Götter der Römer, die weiland dieses Land erobert haben.

Aber es kam anders. Schon im Alten Testament gibt es Geschichten, die darauf abzielen, dass Gott nicht nur der Gott dieses einen Volkes ist, sondern dass er auch die anderen Menschen meint und sich auch den anderen Menschen zuwendet.

Und dann, im sogenannten Babylonischen Exil, tritt ein Theologe auf, der einen ganz neuen Gedanken hat. Er sagt: Es gibt überhaupt nur einen Gott. Der Gott, den Israel anbetet und der sich Israel erwählt hat, ist der einzige, wahre Gott. Es gibt nur einen. Die anderen sind nichts als Stein und Metall und Holz, von Bildhauern gemacht. Unser Gott, den man nicht sehen kann, der im höchsten Himmel wohnt, der ist der einzige Gott. Dieser Theologe hat so eine neue, bahnbrechende Idee entwickelt: den Monotheismus, das heißt die Lehre, dass es überhaupt nur einen einzigen Gott gibt.

Dieser Gott ist der Gott, der mit Israel seinen Bund geschlossen hat. Sein Tempel ist in Jerusalem auf dem Berg Zion, und am Ende der Zeiten werden die Menschen aus aller Herren Länder in einer großen Wallfahrt zum Zion kommen und diesen einen Gott in seinem Tempel anbeten. Gott wird also schon sehr umfassend gedacht, trotzdem ist das Gottesbild noch sehr ethnozentrisch – auf das Volk Israel bezogen. Israel und vor allem Jerusalem, der Zion, das ist der Mittelpunkt.

In diesem Volk wird fünfhundert Jahr später Jesus geboren, und er wächst heran und lernt neben seinem Handwerk auch die Bibel zu lesen. Er ist ein Schriftgelehrter und wahrscheinlich gehört er auch der Schule der Pharisäer an.

Jesus hat ein ganz neues, ganz eigenes Verhältnis zu Gott. Ja, Gott ist der himmlische König, aber gleichzeitig ist er ganz nah und liebevoll. Abba, sagt Jesus zu ihm, Papi. Und die Liebe dieses Vaters ist nicht auf die Guten beschränkt und nicht auf ein bestimmtes Volk. Jesus sagt: „Gott lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“, ohne Ansehen der Person, der Nation und der Religion. Jesus stellt den Samaritaner als Vorbild hin, den die frommen Juden als Ketzer und Ungläubigen bezeichnen, und er sagt von einem römischen Zenturio: „Einen so großen Glauben wie bei diesem Mann habe ich in ganz Israel nicht gesehen.“ Und er betont, dass bei Gott nicht die richtige Konfession und die richtige Liturgie zählt, sondern es zählt, ob ein Mensch etwas von der Liebe begriffen hat und sie umsetzt. Ganz so, wie wir es im Evangelium gehört haben: Das höchste Gebot, das besser ist als alle Opfer, das ist die Liebe: die Liebe zu Gott, dem Großen Ganzen, und die Liebe zu den Mitmenschen, und der liebevolle Umgang mit sich selbst.

Jesus bringt das weltzentrische Verständnis von Gott, und ein paar Jahre später reißt Paulus die Grenzen zwischen dem Volk Israel und dem Rest der Welt noch weiter ein, er bringt den Glauben an diesen Einen Gott aus dem Nahen Osten nach Europa.

Und heute verstehen viele, dass das Verständnis von Gott sich noch einmal erweitern muss. Wir sind heute so intensiv mit Menschen aus aller Herren Länder vernetzt, wir kennen andere Religionen nicht nur vom Hörensagen, sondern können ihnen jederzeit in unserem Alltag begegnen. Viele stellen fest, dass Menschen, die einer anderen Religion angehören, genauso ernsthaft nach Gott fragen, ihren Mitmenschen genauso mit Liebe und Respekt begegnen, manche vielleicht sogar mit mehr Liebe und Respekt als viele von uns Christen. Mögen sie andere Namen für Gott haben, entscheidend ist doch, dass sie die Liebe leben. Wenn ich Jesus beim Wort nehme, dann muss ich sagen: Ein Hindu oder Muslim oder Atheist, der seinen Mitmenschen in Liebe und Respekt begegnet, ist Gott näher als ein Christ, der andauernd den Namen Gottes im Mund führt, sich im Alltag aber rücksichtslos und lieblos verhält.

Und was ist nun mit der Erwählung? Ist Israel nicht mehr Gottes erwähltes Volk? Ich denke, wir Christen tun gut daran, unseren jüdischen Schwestern und Brüdern hohe Achtung und tiefe Liebe entgegenzubringen. Sie sind unsere älteren Geschwister, in diesem Volk sind zum ersten Mal in der Geschichte unserer Welthalbkugel die Gedanken aufgekommen, dass es nur diesen einen Gott gibt und dass man den Willen dieses Gottes mit einem Wort zusammenfassen kann: Liebe. Das ist die besondere Bedeutung des Volkes Israel und der Menschen jüdischen Glaubens. Aber Gottes Liebe geht viel weiter. Seine Erwählung funktioniert nicht so, dass er einige auswählt und die anderen hinten runterfallen lässt. Nein, Gott hat uns alle erwählt, allen Menschen dieser Welt gilt seine Liebe – wie könnte es auch anders sein! Alle Menschen dieser Welt sind noch lange nicht genug, um Gottes Liebe aufzusaugen, sie ist immer noch weiter und größer und will sich immer noch weiter verströmen, in alle Ecken der Erde, zu allen Menschen.

Damit, zugegeben, bürste ich große Teile der Bibel gegen den Strich. Gerade in der Hebräischen Bibel, im Alten Testament, wird sehr klar die Überzeugung ausgedrückt, dass Gott eben dieses Volk erwählt hat und die anderen nicht. Dass Gott dieses Volk – aus welchen Gründen auch immer – allen anderen Völkern und allen anderen Menschen vorzieht.

Und ich denke, die Bibel gegen den Strich bürsten, das muss ich auch tun. Ich folge damit Jesus, zum Beispiel in der Bergpredigt. „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten Lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde!“

Damit bürstet Jesus selbst schon die Hebräische Bibel gegen den Strich. Liebt eure Feinde. Damals, zur Zeit des Mose, waren Feinde eigentlich keine richtigen Menschen. Man konnte sie aus tiefstem Herzen hassen und sich freuen, wenn sie ins Verderben stürzten. „Singt dem Herrn, denn er ist hoch erhaben, Ross und Reiter warf er ins Meer“, singt Deborah, die Schwester des Mose, nach der Rettung am Schilfmeer, nach dem Auszug aus der Knechtschaft.

Bei aller Mitfreude darüber, dass das Volk aus der Sklaverei befreit wurde, fragen wir uns heute doch auch: Diese Tausende ägyptischen Krieger, die da jämmerlich ersoffen sind – waren das keine Menschen? Hatten sie nicht Frauen und Kinder, Eltern und Freunde? Können wir wirklich über einen Sieg in irgendeinem Krieg jubeln?

Der Gott des Alten Testaments ist über weite Strecken ein Kriegsgott. Er führt die Kinder Israel, sein erwähltes Volk, nicht nur aus der Sklaverei, er führt sie auch in ein neues Land, das er ihnen schenkt. Das Problem aus heutiger Sicht: In diesem Land lebten schon Menschen, die nicht begeistert waren, als da Fremde ankamen und ihnen ihre Äcker und Felder, ihre Städte und Dörfer wegnehmen wollten, um sie selbst zu bebauen und zu bewohnen. Doch der Gott des Alten Testaments fackelt nicht lang: Die Bewohner der Landes werden ausgerottet, entweder unterstützt Gott die israelischen Invasoren oder Gott erledigt das gleich selbst. Diese Kriegsgeschichten, diesen Gott, der befiehlt, die Gegner komplett auszurotten, niemand am Leben zu lassen – an den kann und will ich heute nicht mehr glauben.

Durch Jesus haben wir gelernt, dass es nicht darauf ankommt, den eigenen Vorteil zu suchen, sondern Versöhnung und Ausgleich. Wenn Erwählung heißt: Gott liebt die einen und die anderen sind ihm bestenfalls egal, dann passt das nicht zu dem liebenden Gott, zu dem Papi, von dem Jesus gesprochen hat.

Wir jemand der Überzeugung ist: Ich bin erwählt und die anderen sind egal, das hat fatale Folgen, egal welcher Religion die betreffenden angehören. Die Kämpfer des IS fühlen sich im Recht, wenn sie angeblich Ungläubige, die Gott angeblich verworfen hat, abschlachten. Weil Gott es ihrer Meinung nach so will.

Und ich weiß, es ist ein heikles Thema. Aber wenn sich ein moderner Staat Israel heute noch darauf beruft, dass Gott dem Volk Israel das Land geschenkt hat, wenn er daraus das Recht ableitet, andere Menschen zu unterdrücken und zu benachteiligen, dann führt das nicht zum friedlichen Zusammenleben der Menschen im Nahen Osten. Das hat damals schon nicht funktioniert. Wie soll es heute funktionieren, in einer hochkomplexen Welt mit Waffen, gegen die die damaligen Schwerter und Streitwagen sich ausnehmen wie Kinderspielzeug.

Ich glaube, wir haben nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, die Bibel nicht einfach wörtlich zu nehmen. Es geht darum, die Entwicklungslinien, die sich in der Bibel selbst abzeichnen, aufzugreifen und weiterzuführen: Von der Exklusivität einer Erwählung, die sagt: Wir sind erwählt, wir sind Gottes Kinder, und ihr nicht, ihr seid verworfen und verloren – von dieser Exklusivität müssen wir zu einer Inklusivität kommen. Zu der Überzeugung, dass Gott alle Menschen ohne Unterschied liebt und annimmt und das Beste für sie will. Da ist kein Platz mehr für eine Haltung, die andere ausschließt, auch wenn die Bibel in weiten Teilen von einer solchen Ausschließlichkeit geprägt ist.

So verstehe ich Jesus, so verstehe ich den Auftrag der Kirchen in der Welt: Einzutreten für Versöhnung und Ausgleich, weil Gott uns berufen hat zur Liebe.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, der Mensch gewordenen Liebe Gottes.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Brot des Lebens

Vorbemerkung

Nach dem Gottesdienst werde ich immer wieder einmal gefragt, ob ich die Predigt zum Nachlesen zur Verfügung stellen kann. Meistens notiere ich mir dass die E-Mail-Adresse der/s Fragenden. Aber warum sollte ich sie nicht auch einem größeren Keis (dem riesigen Kreis 😉 meiner Follower zum Beispiel) zur Verfügung stellen? Also, hiermit beginnt eine neue Kategorie meines Blogs: Predigten. Sozusagen als Beitrag zum Thema “Gott”.

 

Joh 6, 30 – 35

Da sprachen sie zu ihm: Was tust du für ein Zeichen, auf dass wir sehen und dir glauben? Was wirkst du? Unsre Väter haben Manna gegessen in der Wüste, wie geschrieben steht (Psalm 78,24): »Brot vom Himmel gab er ihnen zu essen.« Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. Denn dies ist das Brot Gottes, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben. Da sprachen sie zu ihm: Herr, gib uns allezeit solches Brot. Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.

Liebe Gemeinde,

Ich bin das Brot des Lebens. Und vorhin, als Evangelium, die Geschichte von der Speisung der Fünftausend. Das sind Texte, die klassischerweise aufs Abendmahl hin gedeutet werden. Nun steht auf dem Altar aber kein Abendmahlsgeschirr und es ist auch kein Abendmahlsgottesdienst angekündigt. War das nun ein Versehen, oder ist das nur eine seltsame Kapriole, die sich aus der Kombination des allgemein gültigen liturgischen Kalenders mit der Gottesdienstplanung von St. Markus in München ergeben hat?

Natürlich steht genau das dahinter. Aber wir Menschen haben ja immer das Bedürfnis, das, was uns begegnet, mit Sinn aufzuladen. Deswegen habe ich nach einer Erklärung gesucht, die dem Zufall einen Sinn einhaucht, und, o Wunder, es ist mir gelungen. Das Abendmahl ist ja ein Ritual, und ein Ritual erklären und ein Ritual vollziehen, das sind zwei grundverschiedene Dinge. Also will ich heute über das Abendmahl reden, und ein andermal werden wir es wieder gemeinsam feiern, und das ist gut so. Basst scho, wie der Bayer sagt.

Also, das Abendmahl. Es ist ein Sakrament, eins von zwei Sakramenten, die die evangelische Kirche kennt. Und was ist ein Sakrament? Die Lehrbuchantwort lautet: Ein Sakrament ist eine Handlung, für die es a) einen Auftrag von Jesus selbst gibt, im Neuen Testament überliefert, und b) ein äußeres, materielles Zeichen. Beides ist gegeben – der Auftrag von Jesus: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“, und das materielle Zeichen: Brot und Kelch samt Inhalt.

Aber das erklärt noch gar nichts. Also noch mal von vorn.

In dem Wort „Sakrament“ steckt das lateinische Wort „sacer“, das im Deutschen mit „heilig“ wiedergegeben wird. Also eine heilige Handlung.

Und jetzt wird’s spanend. Was heißt das denn, eine heilige Handlung? Ist das etwas, was uns über den Alltag hinaushebt in himmlische Sphären, etwas, das uns gewissermaßen entrückt? Etwas, das uns Gott näher bringt?

Nein, nein, nein.

Wir können Gott gar nicht nähergebracht werden als wir es ohnehin schon sind. Wir müssen Gott nicht näherkommen, denn Gott ist uns schon nahe, so nahe wie nichts und niemand sonst. Näher als wir uns selbst sind. Gott ist immer in und bei uns. Und wie oft bin ich selbst in und bei mir? Die meiste Zeit bin ich doch gar nicht bei mir selbst. Ich bin irgendwo, in der Zukunft oder in der Vergangenheit, aber nicht hier, bei mir. Nur Gott, der ist schon immer da, hier bei mir, in mir, hier auf der Erde.

Denn Jesus hat Gott auf die Erde gebracht. Oder besser: In ihm wurde ganz deutlich, dass Gott nicht in himmlischen Sphären schwebt, abgehoben von dem irdischen Getümmel. Gott ist dabei. Immanuel – das ist Hebräisch und heißt: Gott ist bei uns. Und das ist die tiefste Wahrheit unseres Glaubens. Wir müssen Gott nicht näher kommen, wir können es gar nicht, denn Gott ist schon immer hier.

Etwas davon höre ich auch in dem Abschnitt, der heute als Predigttext vorgegeben ist. „Dies ist das Brot Gottes, das vom Himmel kommt.“ Es bleibt nicht dort droben, es kommt vom Himmel herab. Und damit macht das Brot Gottes genau das, was Gott auch macht. Und das Brot des Lebens, Jesus, macht dasselbe.

Sicher kennen Sie das Märchen vom Fischer un siner Fru. Die ist mit nichts zufrieden, sie will immer mehr. Am Ende will sie sein wie Gott. Und, pardauz!, sitzt sie wieder in ihrem Pissputt, in ihrer schäbigen Hütte. Früher dachte ich immer, das sei eine Strafe für die Hybris, den Hochmut und die Anmaßung der Frau. Aber nein, es ihr Wunsch ist ihr wörtlich erfüllt worden. Denn Gott ist nicht in einem prächtigen Palast, prächtiger als der des Kaisers und des Papstes zusammen. Gott wohnt unter uns, in unserem erbärmlichen Pissputt.

Und dafür steht die Person Jesus Christus. Wir Christen gauben, dass in ihm Gott auf die Erde gekommen ist. Am Anfang des Johannesevangeliums stehen die bekannten Worte: Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns. Genau. Das ist die Inkarnation, die In-Carnatio, die Ein-Fleischung. Jesus ist einer wie wir, ein Mensch durch und durch. Wahrer Mensch, sagt das Nizänische Glaubensbekenntnis. Und gleichzeitig – gleichzeitig! – ist Jesus Christus wahrer Gott. Er nennt Gott seinen Vater und er ermutigt uns, ebenfalls Vater zu sagen zu Gott. Wir tun das in jedem Gottesdienst, mindestens. Wir sind Gottes Kinder, genauso wie Jesus Gottes Sohn war und ist. Denn die Inkarnation, die beschränkt sich nicht auf diese dreißig Jahre, in denen der historische Mensch Jesus aus Nazareth über die Erde ging. In Jesus Christus, der zweiten Person des dreieinigen Gottes, ist die menschliche Natur, das menschliche Wesen, in Gott aufgehoben, so sagt es die altkirchliche Tradition seit dem vierten Jahrhundert. Und am menschlichen Wesen, an der menschlichen Natur, haben wir alle Anteil, einfach weil wir Menschen sind. So sind auch wir unserem Wesen nach aufgehoben in Gott.

Ich springe wieder zurück zum Thema Abendmahl. Der christliche Glaube besagt ja, dass uns in dieser Handlung, in diesem Sakrament, Jesus selbst begegnet. Aber auch hier müssen wir aufpassen, dass wir Jesus und seine Nähe nicht reduzieren auf diese heilige Handlung. Wir dürfen ihn nicht gewissermaßen einsperren in diese Hostie und dieses Schlückchen Wein oder Saft alle vierzehn Tage am Sonntag. Jesus sagt: Solches tut, sooft ihr’s trinket, zu meinem Gedächtnis. Ich verstehe das so: Jedes Mal, wenn wir essen und trinken, jedes Mal, wenn wir gemeinsam zusammensitzen, dann ist er anwesend. Wir dürfen ihn nicht aussperren aus unserem Alltag in diese eine Stunde am Sonntagvormittag und in dieses Ritual. Gott lässt sich nicht aussperren aus unserem Leben und er lässt sich nicht einsperren in einen Tabernakel, einen heiligen Schrank. Deswegen hat Martin Luther den Tabernakel abgeschafft – er sagte sehr richtig: Christus ist nicht in der Hostie drin, er kommt zu uns, wenn wir im Glauben an sein Wort in der Gemeinschaft der Gläubigen das Brot essen. Also, die Hostie an sich ist nichts weiter als ein Stückchen ungesäuertes Brot. Nichts von heilig, wenn nicht alles heilig ist.

In einem Seminar, in dem es ums Abendmahl ging, da habe ich das einmal besonders deutlich erfahren. Wir sprachen nicht nur über das Abendmahl, wir feierten es auch. Wir saßen im Kreis, etwa fünfzehn oder zwanzig Leute, und dann nahm der Leiter das Brot (manche wissen schon, was jetzt kommt). Und während er sagte: Das ist mein Leib, machte er eine ausladende Geste. Das ist mein Leib, ihr alle, die ihr hier im Kreis beieinander sitzt, ihr seid der Leib Christi. Ihr seid es, durch die Christus in die Welt kommt, heute. Ihr seid es, wir sind es, die Gott ins Leben bringen. Wenn wir es nicht tun, wer soll es dann tun?

Und noch etwas. Jesus sagt: Ich bin das Brot des Lebens. Das meint er durchaus auch wörtlich. Es ist sicher kein Zufall, dass in demselben Kapitel, in dem dieses Wort überliefert wird, am Anfang von der Speisung der fünftausend erzählt wird. Jesus macht die Menschen satt, buchstäblich. Es will nicht, dass sie hungern. Er will nicht, dass irgendjemand hungert. Deswegen haben die Christen von allem Anfang an Armenspeisungen vorgenommen. Sie haben buchstäblich hungrigen Menschen zu essen gegeben, und das ist bis heute so. In der Münchner Insel haben wir ein Liste von Stellen, wo man in München kostenloses Essen bekommen kann, und da stehen fast ausschließlich Klöster und kirchliche Einrichtungen drauf. Das ist kein Zufall, sondern gehört zu den Kernaufgaben der Christen. Und glücklicherweise entdecken manche evangelische Kirchen diese Aufgabe auch wieder, indem sie sich als Vesperkirchen verstehen und hungrigen Menschen Essen servieren.

Auch das Abendmahl war ursprünglich ja nicht dieses im wörtlichen Sinn abgespeckte Ritual. Zu Zeiten des Paulus, da kam die Gemeinde abends zusammen und jeder, der konnte, brachte etwas zu essen mit. Dann wurde das Essen geteilt und wer nichts mitbringen konnte, bekam von den anderen, die mehr hatten. Leider hat das schon damals nicht reibungslos funktioniert. Paulus schimpft die Korinther in einem seiner Briefe, dass die Reichen, die nichts zu tun haben, früh am Abend zusammenkommen und spachteln. Und wenn dann die Hafenarbeiter, die bis spät schuften müssen, verschwitzt und hungrig ankommen, ist nichts mehr übrig außer dem rituellen Brotstückchen und dem Schlückchen aus dem Kelch. So nicht, sagt Paulus. Das ist nicht im Sinn von Jesus. Es kommt nicht darauf an, liturgisch korrekt ein heiliges Ritual zu begehen. Es kommt darauf an, zu teilen. Sonst können wir uns das Ritual auch sparen. Ja, so gesehen ist es gut, dass wir heute übers Abendmahl sprechen und es nicht feiern. Da können wir uns noch mal gut überlegen, was außer der liturgischen Handlung eigentlich dazugehört.

Und trotzdem finde ich, es ist wichtig, dass wir das Abendmahl auch feiern. Dass wir dieses Ritual begehen, zu einer festgelegten Zeit nach einem festen Ablaufplan mit festgelegten Worten und Gesten. Denn recht verstanden, kann so ein Ritual wie ein Konzentrat sein, das dann im Alltag verdünnt erst richtig genießbar wird. So wie ein Sirup. Von einem Sirup kann man auch nur einen wönzigen Schlock zu sich nehmen. Erst wenn er 1 : 10 mit Wasser verdünnt wird, wird der Himbeersirup zum Skiwasser. So ist es mit dem Abendmahl und mit allen Ritualen, die wir hier in der Kirche begehen. Wirksam, hilfreich, sättigend und Durst löschend werden sie erst dann, wenn sie im Alltag, verdünnt, eingesetzt werden. Und trotzdem brauchen wir das Konzentrat immer wieder. Um uns zu vergewissern. Um uns erinnern zu lassen. Zum Beispiel daran, dass das Brot des Lebens nicht eine himmlische Seelenspeise ist, sondern das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist, um echte Menschen zu sättigen. Dann erst, wenn wir uns daran beteiligen, dass hungrige Menschen satt werden, dann erst können wir richtig Abendmahl feiern.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne und unseren hungrigen Körper in Christus Jesus, dem Brot des Lebens, das vom Himmel herabgekommen ist.

Amen.

 

30. Juli 2017, St. Markus München

& Gott…?

Weshalb Gott im Titel steht, aber im Text nicht so häufig vorkommt…

Rezensentin „Nischi“ (bürgerlich: Nicole Schultz) hat in ihrer sehr schönen und ausführlichen Rezension meiner Trilogie angemerkt: „Die beiden anderen Themen (Gott und Rock’n’Roll, TH) hätten dagegen ruhig noch etwas mehr zum Zug kommen können. Das Thema Spiritualität bleibt inhaltlich teilweise etwas vage.“

Dem kann ich nur zustimmen. Und deswegen nehme ich die Rezension zum Anlass, hier kurz zu erzählen, wie es zu dem Titel kam und weshalb dann doch relativ wenig „Gott“ in dem Buch vorkommt.

Zum Titel: Es gibt einen Vorläufer zur Trilogie, einen Roman, den ich nicht veröffentlicht habe und auch nicht veröffentlichen werde, weil ich mich damit sozusagen erst „warmgeschrieben“ habe. Ich habe da manches ausprobiert und vor allem meinen Stil entwickelt – spätere Literaturwissenschaftler, die mein Oeuvre erforschen, werden vermutlich feststellen können, wie sich im Lauf der Kapitel mein Stil schärft, zuspitzt und – ich glaube – besser wird. Dieser Roman hatte den Arbeitstitel „Gott und die Frauen“, weil der männliche Protagonist einmal feststellt, dass es in seinem Leben eigentlich nur zwei wichtige Themen gibt: eben Gott und die Frauen. Der Roman enthält auch einige theologische Dialoge – ich wollte mal ausprobieren, ob das funktioniert. Aber die langen Dialoge nehmen dem Ganzen doch viel von dem Tempo, das ein Buch erst spannend macht. Und er enthält einige erotische Szenen, die sehr viel expliziter geschrieben sind als die in der Trilogie – im Rückblick würde ich fast sagen: etwas plump. Das brachte meinen alten Freund Hans, einen meiner „Beta-Leser“, zu dem Ausspruch: „Das Buch müsste nicht ‚Gott und die Frauen‘ heißen, sondern ‚Sex und Gott‘.“

Und von da war es nur ein winziger Schritt zu Sex & Gott & Rock’n’Roll.

Den Titel fand ich einfach so gut, dass ich ihn für den nächsten Roman aufgehoben habe, eben für die Trilogie. Und im ursprünglichen Exposé war auch das Thema „Gott“ auch viel präsenter. Die ursprüngliche Idee war, von zwei Menschen zu schreiben, die einander im Leben immer wieder begegnen und die gegensätzliche und doch irgendwie parallele spirituelle Entwicklungen durchlaufen. Ich hatte wirklich zwei spirituelle Biografien geplant. Dann aber hat die Liebesgeschichte überhandgenommen und viel mehr Platz beansprucht als vorgesehen. So geht es eben, wenn man mit lebendigen Figuren umgeht.

Johnny hatte in der ursprünglichen Version seine Gabi auf der Pfingstfreizeit einer charismatischen Gemeinde kennengelernt, sich klassisch bekehrt und in Gabis Freikirche mitgemacht. Doch dann wird Gabi immer fundamentalistischer und verrückter, schließlich wird Johnnys Freund Tobias, der in dieser Version ebenfalls der Gemeinde angehört, wegen seines Schwulseins aus der Gemeinde ausgeschlossen. Aufgrund dieser Entwicklungen sagt sich Johnny von der Gemeinde und damit auch vom evangelikalen/charismatischen Glauben los.

Dann aber, so der Plan, sollte sich sein Gottesbild erweitern und er würde zu einem a-personalen und a-theistischen Gott finden, also sozusagen ein gelb/türkises Gottesbild entwickeln. Und Jeannie wollte ich eine deutlich intensivere spirituelle Praxis geben, mit tiefen Meditationserfahrungen bis hin zur „Zen-Krankheit“ und wieder zurück… Irgendwann habe ich dann festgestellt, dass das Buch dann mindestens fünf Bände umfassen würde. Und ich beschloss, es bei der Liebesgeschichte zu belassen, nur Jeannie durfte ihren Bhagwan-Trip behalten. Ich habe ungefähr hundert Seiten rausgeschmissen, die von Johnnys religiösen Erfahrungen handelten, und habe ihn einfach zum Agnostiker erklärt. Ein kleines Überbleibsel seiner ursprünglich geplanten religiösen Einstellung ist das Kennenlern-Gespräch zwischen Jeannie und Johnny beim Schützenfest, wo Johnny sich durchaus noch religiös interessiert zeigt.

Aber das Thema ist nicht verloren. Ich sitze seit geraumer Zeit schon am nächsten Projekt, in dem Jeannies Zwillingsschwester Theresa die Hauptrolle spielt. Sie bekommt eine intensive geistliche Berg- und Talfahrt verpasst. Der Plan sieht weiterhin vor, dass es auch eine männliche Hauptperson namens Chris gibt, die ebenfalls eine intensive religiöse Geschichte hat, hier kommt dann doch noch das charismatische Element zum Tragen – aber diese Geschichte wird dann ausführlich erst im übernächsten Roman erzählt, in der Chris dann im Mittelpunkt steht.

Der Theresa-Roman wird wohl „Phantomschmerz“ heißen und in, sagen wir mal, einem Jahr fertig sein. Vielleicht auch etwas eher. „Nischis“ Wunsch nach mehr Romanen aus meiner Feder bzw. Tastatur wird also wohl in Erfüllung gehen. Nur noch ein bisschen Geduld…

 

Once upon a time in the East

Eine Frage, die mir auch schon des Öfteren gestellt wurde: „Warst du denn in Poona?“

Die Antwort: Nein, war ich nicht. Damals, als so viele junge und nicht ganz so junge Intellektuelle aus Deutschland zu Bhagwan gingen, habe ich brav Theologie studiert. Bhagwan (wie er sich damals noch nannte) stand für mich in einer Reihe mit Scientology und der Moon-Sekte, gehörte also zu den sogenannten Jugendsekten. Heute weiß ich, dass diese Einordnung Quatsch ist, aber damals wurde es so dargestellt. Erst als ich dann schon Gemeindepfarrer war, lernte ich ein paar Sannyasins persönlich kennen. Einmal geriet ich beim Versuch, ein neu zugezogenes Gemeindeglied zu besuchen, in eine der Sannyas-WGs in der Klenzestraße. Die junge Frau hatte wohl als Konfession „evangelisch“ eingetragen, wollte aber vom Pfarrer dann doch nichts wissen. Dafür erklärte sich ein anderer Bewohner der WG bereit, mit mir zu reden, und so bekam ich die ersten Insider-Informationen über Poona und Bhagwan. Dann, im Herbst 1989, veröffentlichte der Claudius-Verlag „Das Enneagramm“ von Richard Rohr und meinem Freund Andreas Ebert. Auf Wunsch von Andreas bot der Verlag „Briefseelsorge“ für Leser/innen an – wer wollte, konnte an den Verlag schreiben, seinen Enneagramm-Typ nennen, und bekam dann eine/n „Seelsorger/in“ desselben Typs zugeordnet. Auf diese Weise kam ich mit Nitya in Kontakt, der sich – wie ich – als Neun verstand. Swami Satyam Nitya aus Hamburg, ehemaliger Windsbacher, jetzt seit vielen Jahren Sannyasin. Wir schrieben uns eine Menge Briefe, in denen ich immer noch apologetisch vorgehen und am liebsten nachweisen wollte, dass Sannyas ein Irrweg ist. Das ist mir natürlich nicht gelungen. Einmal, auf Besuch in Hamburg, habe ich Nitya persönlich kennengelernt, eine Begegnung, die von großer gegenseitiger Sympathie geprägt war und die mich in meiner Abwehrhaltung gegenüber der vermeintlichen Jugendsekte schwankend werden ließ. Ich hatte jedenfalls nicht den Eindruck, in Nitya ein abhängig gemachtes Sektenmitglied vor mir zu haben, im Gegenteil. Er wirkte frei und in sich ruhend. Nitya schickte mir dann auch das Buch, das für Jeannie zur ersten Begegnung mit der Lehre Bhagwans wird: „Tantra, die höchste Einsicht“. Ich habe es damals nicht gelesen, erst viel später habe ich es mir vorgenommen.

Mittlerweile gilt Osho (wie er sich später dann nannte) als ein Meister unter vielen, genauso seriös oder unseriös wie viele andere, mit der Spezialität, die östliche Philosophie für die verkopften Westler zugänglich gemacht zu haben. Ich kann als Pfarrer, ohne mich zu verstecken, seine Bücher „Jesus. Mensch und Meister“ oder „Das Thomasevangelium“ lesen, aber natürlich nicht nur die.

Und ich bin im Lauf der Jahre vielen Ex- oder Noch-Sannyasins begegnet. Die Therapie-Szene ist voll davon. Mit einigen habe ich persönlich gearbeitet oder länger gesprochen. Die meisten bestätigten mir, dass sie in Poona oder durch Bhagwan wesentliche Impulse für ihr Leben erhalten haben, gleichzeitig sahen sie manches (etwa die Oregon-Kommune) ziemlich kritisch. Ich konnte die Neo-Sannyas-Bewegung immer besser akzeptieren als eine der für die Siebzigerjahre typischen Bewegungen.

Wann ich die Idee hatte, dass Jeannie nach Poona geht, weiß ich tatsächlich nicht mehr. Ich glaube, die kam ziemlich früh in den ersten Anfangsstadien des Plots. Dann erst begann ich mich ausführlich über Poona und Osho zu informieren. Na gut, die Dokumentation „Guru“ von Sabine Gisiger und Beat Häner hatte ich vorher auch schon gesehen und natürlich die köstliche Komödie „Sommer in Orange“ von Marcus Rosenmüller. Jetzt aber begann ich zu sammeln. Ich las, was ich in die Finger bekam, ich recherchierte, was ging, holte aus der Bayerischen Staatsbibliothek, was zu holen war, und sammelte insgesamt einen halben Regalmeter Bücher, ältere wie den Klassiker „Ganz entspannt im Hier und Jetzt“ von Jörg Andrees „Satyananda“ Elten oder Neuestes wie „Der Mut, den eigenen Weg zu finden“ von Kirsten Pape, ein 2013 erschienener Sammelband mit Interviews mit Ex- oder Noch-Sannyasins. Dazu habe ich mir auf Youtube angeschaut, was ich finden konnte. So, denke ich, ist mir eine leidlich akzeptable Schilderung der Zustände und der Atmosphäre in Poona gelungen.

Noch habe ich kein Feedback von einem meiner Ex- oder Noch-Sannyasin-Freunde bekommen. Das würde mich natürlich brennend interessieren, was jemand sagt, der damals dort war. Wenn ich ein solches Feedback bekommen sollte, werde ich es alsbald hier kundtun!

 

Zwei oder mehr

Wer steht hinter Jeannie und Johnny? Sind sie realen Figuen nachempfunden oder reine Fantasie? Beides natürlich.

Wer steht hinter Jeannie und Johnny? Dienen reale Menschen als Vorbilder? Die Frage habe ich öfter gehört. Rezensent “Ewald” etwa schreibt auf Amazon von seiner “Phantasie, dass Tilmann Haberer doch für ‘Johnny’ und ‘Jeannie’ mehrere reale Menschen und ihre Geschichten verarbeitet hat”.

Na klar, ist die Antwort. Die Figur der Jeannie ist komponiert aus mehreren Mädchen und Frauen, die ich irgendwann, irgendwo kennengelernt habe. Und dazwischen ist vieles, was keiner realen Person zuzuordnen ist. Jeannie ist also doch eine reine Kunstfigur und es wäre müßig, in oder zwischen den Zeilen nach den realen Vorbildern zu suchen.

Bei Johnny ist es etwas anders. Auch er ist zusammengesetzt aus mehreren Figuren, manche sind reale Personen, denen ich begegnet bin, manche sind Projektionen von inneren Anteilen. Das ist wahrscheinlich bei den allermeisten Autoren so. Zum Beispiel: Wenn ich beschreibe, wie Johnny seinen toten Vater im Krankenhaus sieht, steht dahinter die reale Erfahrung mit meinem Vater, der sehr plötzlich gestorben ist und den ich im Krankenhaus gesehen habe. Wenn ich das Sterben einer anderen Hautperson beschreibe, fließen in diese Beschreibung meine Erfahrungen an Sterbebetten ein ebenso wie Erzählungen, die ich als Pfarrer reichlich mitbekommen habe. Und von Liebe und Herzeleid kann man wohl auch nur schreiben, wenn man sie selbst erlebt hat. Aber die Leadgitarre habe ich nie gespielt, ich habe immer den Bass gezupft.

Die persönlichen Erfahrungen sind also so etwas wie die Farben, die ein Maler aus der Tube auf seine Palette drückt: das Material, als dem dann das Bild geschaffen wird. Im Bild kann der Betrachter erkennen, welche Farben verwendet wurden, aber die Tube, aus der die Farbe kommt, spielt keine Rolle. Und in der Geschichte von Johnny spiegelt sich mitnichten die Geschichte seines Erfinders.

Ich erinnere mich, wie ich als Jugendlicher einmal gelesen habe, dass Mark Twain seinen Huckleberry Finn aus mehreren Jungen zusammengesetzt hat, die er kannte. Damals konnte ich mir das noch gar nicht vorstellen. Wie soll das gehen? Mittlerweile denke ich, es geht nur so. Wenn ich nicht rein autobiografisch schreiben will, wie ich das in “Kirchenfrust und Gotteslust” getan habe, dann muss ich Figuren erfinden. Und die können reine Fantasie sein, aber wenn sie saftig und lebendig rüberkommen sollen, müssen echte Erfahrungen drinstecken. Aber eben nicht so, dass der Leser weiß: Ach, das war doch im September 1978 in Gunzenhausen, sondern dreimal durch den Wolf gedreht, gewürzt und geformt und schießlich von beiden Seiten gut durchgebraten (um noch eine andere Metapher zu bemühen). Und so wird dann hoffentlich eine schmackhafte Sache daraus, bei der die Zutaten nicht mehr rausschmecken, sondern ein komplexes, neues Ganzes entstanden ist.