Once upon a time in the East

Eine Frage, die mir auch schon des Öfteren gestellt wurde: „Warst du denn in Poona?“

Die Antwort: Nein, war ich nicht. Damals, als so viele junge und nicht ganz so junge Intellektuelle aus Deutschland zu Bhagwan gingen, habe ich brav Theologie studiert. Bhagwan (wie er sich damals noch nannte) stand für mich in einer Reihe mit Scientology und der Moon-Sekte, gehörte also zu den sogenannten Jugendsekten. Heute weiß ich, dass diese Einordnung Quatsch ist, aber damals wurde es so dargestellt. Erst als ich dann schon Gemeindepfarrer war, lernte ich ein paar Sannyasins persönlich kennen. Einmal geriet ich beim Versuch, ein neu zugezogenes Gemeindeglied zu besuchen, in eine der Sannyas-WGs in der Klenzestraße. Die junge Frau hatte wohl als Konfession „evangelisch“ eingetragen, wollte aber vom Pfarrer dann doch nichts wissen. Dafür erklärte sich ein anderer Bewohner der WG bereit, mit mir zu reden, und so bekam ich die ersten Insider-Informationen über Poona und Bhagwan. Dann, im Herbst 1989, veröffentlichte der Claudius-Verlag „Das Enneagramm“ von Richard Rohr und meinem Freund Andreas Ebert. Auf Wunsch von Andreas bot der Verlag „Briefseelsorge“ für Leser/innen an – wer wollte, konnte an den Verlag schreiben, seinen Enneagramm-Typ nennen, und bekam dann eine/n „Seelsorger/in“ desselben Typs zugeordnet. Auf diese Weise kam ich mit Nitya in Kontakt, der sich – wie ich – als Neun verstand. Swami Satyam Nitya aus Hamburg, ehemaliger Windsbacher, jetzt seit vielen Jahren Sannyasin. Wir schrieben uns eine Menge Briefe, in denen ich immer noch apologetisch vorgehen und am liebsten nachweisen wollte, dass Sannyas ein Irrweg ist. Das ist mir natürlich nicht gelungen. Einmal, auf Besuch in Hamburg, habe ich Nitya persönlich kennengelernt, eine Begegnung, die von großer gegenseitiger Sympathie geprägt war und die mich in meiner Abwehrhaltung gegenüber der vermeintlichen Jugendsekte schwankend werden ließ. Ich hatte jedenfalls nicht den Eindruck, in Nitya ein abhängig gemachtes Sektenmitglied vor mir zu haben, im Gegenteil. Er wirkte frei und in sich ruhend. Nitya schickte mir dann auch das Buch, das für Jeannie zur ersten Begegnung mit der Lehre Bhagwans wird: „Tantra, die höchste Einsicht“. Ich habe es damals nicht gelesen, erst viel später habe ich es mir vorgenommen.

Mittlerweile gilt Osho (wie er sich später dann nannte) als ein Meister unter vielen, genauso seriös oder unseriös wie viele andere, mit der Spezialität, die östliche Philosophie für die verkopften Westler zugänglich gemacht zu haben. Ich kann als Pfarrer, ohne mich zu verstecken, seine Bücher „Jesus. Mensch und Meister“ oder „Das Thomasevangelium“ lesen, aber natürlich nicht nur die.

Und ich bin im Lauf der Jahre vielen Ex- oder Noch-Sannyasins begegnet. Die Therapie-Szene ist voll davon. Mit einigen habe ich persönlich gearbeitet oder länger gesprochen. Die meisten bestätigten mir, dass sie in Poona oder durch Bhagwan wesentliche Impulse für ihr Leben erhalten haben, gleichzeitig sahen sie manches (etwa die Oregon-Kommune) ziemlich kritisch. Ich konnte die Neo-Sannyas-Bewegung immer besser akzeptieren als eine der für die Siebzigerjahre typischen Bewegungen.

Wann ich die Idee hatte, dass Jeannie nach Poona geht, weiß ich tatsächlich nicht mehr. Ich glaube, die kam ziemlich früh in den ersten Anfangsstadien des Plots. Dann erst begann ich mich ausführlich über Poona und Osho zu informieren. Na gut, die Dokumentation „Guru“ von Sabine Gisiger und Beat Häner hatte ich vorher auch schon gesehen und natürlich die köstliche Komödie „Sommer in Orange“ von Marcus Rosenmüller. Jetzt aber begann ich zu sammeln. Ich las, was ich in die Finger bekam, ich recherchierte, was ging, holte aus der Bayerischen Staatsbibliothek, was zu holen war, und sammelte insgesamt einen halben Regalmeter Bücher, ältere wie den Klassiker „Ganz entspannt im Hier und Jetzt“ von Jörg Andrees „Satyananda“ Elten oder Neuestes wie „Der Mut, den eigenen Weg zu finden“ von Kirsten Pape, ein 2013 erschienener Sammelband mit Interviews mit Ex- oder Noch-Sannyasins. Dazu habe ich mir auf Youtube angeschaut, was ich finden konnte. So, denke ich, ist mir eine leidlich akzeptable Schilderung der Zustände und der Atmosphäre in Poona gelungen.

Noch habe ich kein Feedback von einem meiner Ex- oder Noch-Sannyasin-Freunde bekommen. Das würde mich natürlich brennend interessieren, was jemand sagt, der damals dort war. Wenn ich ein solches Feedback bekommen sollte, werde ich es alsbald hier kundtun!

 

Author: tilmannhaberer

geboren 1955, Krisen- und Lebensberater, evangelischer Pfarrer, Gestaltseelsorger, systemischer Berater, zwischendurch mal sieben Jahre als freiberuflicher Schlussredakteur und Übersetzer (u.a. Richard Rohr, Suzanne Zuercher, Ken Wilber) unterwegs gewesen, Autor von Sachbüchern (u.a. "Gott 9.0") und Romanen.

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