Zwei oder mehr

Wer steht hinter Jeannie und Johnny? Sind sie realen Figuen nachempfunden oder reine Fantasie? Beides natürlich.

Wer steht hinter Jeannie und Johnny? Dienen reale Menschen als Vorbilder? Die Frage habe ich öfter gehört. Rezensent “Ewald” etwa schreibt auf Amazon von seiner “Phantasie, dass Tilmann Haberer doch für ‘Johnny’ und ‘Jeannie’ mehrere reale Menschen und ihre Geschichten verarbeitet hat”.

Na klar, ist die Antwort. Die Figur der Jeannie ist komponiert aus mehreren Mädchen und Frauen, die ich irgendwann, irgendwo kennengelernt habe. Und dazwischen ist vieles, was keiner realen Person zuzuordnen ist. Jeannie ist also doch eine reine Kunstfigur und es wäre müßig, in oder zwischen den Zeilen nach den realen Vorbildern zu suchen.

Bei Johnny ist es etwas anders. Auch er ist zusammengesetzt aus mehreren Figuren, manche sind reale Personen, denen ich begegnet bin, manche sind Projektionen von inneren Anteilen. Das ist wahrscheinlich bei den allermeisten Autoren so. Zum Beispiel: Wenn ich beschreibe, wie Johnny seinen toten Vater im Krankenhaus sieht, steht dahinter die reale Erfahrung mit meinem Vater, der sehr plötzlich gestorben ist und den ich im Krankenhaus gesehen habe. Wenn ich das Sterben einer anderen Hautperson beschreibe, fließen in diese Beschreibung meine Erfahrungen an Sterbebetten ein ebenso wie Erzählungen, die ich als Pfarrer reichlich mitbekommen habe. Und von Liebe und Herzeleid kann man wohl auch nur schreiben, wenn man sie selbst erlebt hat. Aber die Leadgitarre habe ich nie gespielt, ich habe immer den Bass gezupft.

Die persönlichen Erfahrungen sind also so etwas wie die Farben, die ein Maler aus der Tube auf seine Palette drückt: das Material, als dem dann das Bild geschaffen wird. Im Bild kann der Betrachter erkennen, welche Farben verwendet wurden, aber die Tube, aus der die Farbe kommt, spielt keine Rolle. Und in der Geschichte von Johnny spiegelt sich mitnichten die Geschichte seines Erfinders.

Ich erinnere mich, wie ich als Jugendlicher einmal gelesen habe, dass Mark Twain seinen Huckleberry Finn aus mehreren Jungen zusammengesetzt hat, die er kannte. Damals konnte ich mir das noch gar nicht vorstellen. Wie soll das gehen? Mittlerweile denke ich, es geht nur so. Wenn ich nicht rein autobiografisch schreiben will, wie ich das in “Kirchenfrust und Gotteslust” getan habe, dann muss ich Figuren erfinden. Und die können reine Fantasie sein, aber wenn sie saftig und lebendig rüberkommen sollen, müssen echte Erfahrungen drinstecken. Aber eben nicht so, dass der Leser weiß: Ach, das war doch im September 1978 in Gunzenhausen, sondern dreimal durch den Wolf gedreht, gewürzt und geformt und schießlich von beiden Seiten gut durchgebraten (um noch eine andere Metapher zu bemühen). Und so wird dann hoffentlich eine schmackhafte Sache daraus, bei der die Zutaten nicht mehr rausschmecken, sondern ein komplexes, neues Ganzes entstanden ist.

Author: tilmannhaberer

geboren 1955, Krisen- und Lebensberater, evangelischer Pfarrer, Gestaltseelsorger, systemischer Berater, zwischendurch mal sieben Jahre als freiberuflicher Schlussredakteur und Übersetzer (u.a. Richard Rohr, Suzanne Zuercher, Ken Wilber) unterwegs gewesen, Autor von Sachbüchern (u.a. "Gott 9.0") und Romanen.

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